Einbruchgefahr

Beton und Asphalt. Überquellende Mülleimer. Gelbe Baukräne. Ansonsten alles grau! So erscheint mir der Morgen. Perspektivwechsel: Zwischen dem Straßenlärm leises Vogelgezwitscher. Löwenzahn bricht sich Bahn. Eine Begegnung – endlich Menschlichkeit!

Also Hand auf’s Herz, liebe Kritiker! Es gibt doch immer mindestens zwei Sichtweisen auf die Dinge. Eine gute und eine schlechte. Ich kann mich entscheiden. Zugegeben: Es fällt mir auch nicht leicht, mir die Welt mit rosaroter Brille anzusehen. Muss ich auch nicht. Aber heute morgen da habe ich den Unterschied gemerkt. Ich habe mich entschieden, die ganze Sache einmal positiv zu sehen. Und das hat mir die Herausforderungen des Tages weitaus annehmlicher gemacht, als ständig Miesepetra das letzte Wort zu lassen. Ich hatte nämlich absolut keine Lust auf Arbeit. Noch weniger Lust hatte ich auf die lange Anfahrt: mit dem Rad zum Bahnhof, dann U-Bahn, Tram und schließlich Bus. Heute insgesamt zweieinhalb Stunden! Das sind diese Tage, an denen ich gerne sofort auf dem Absatz kehrt machen will, sobald sich hinter mir die Haustüre schließt. An diesen Tagen will ich am liebsten für niemanden irgendetwas tun müssen und einfach nur sein. Kennst du bestimmt auch?! Musik an, Beine hoch, Tee schlürfen. Oder noch schöner – die Variante zu zweit: Ich darf große Bestellungen aufgeben, bekomme Tee direkt ins Bett und dann eine Massage. Die brauche ich nämlich echt dringend. Naja. Weiterträumen!

Aber ich kann mir an diesem Abend auf die Schulter klopfen. Denn am heutigen Tag bestand wirklich akute „Einbruchgefahr“: Es war so einer dieser Tage, an denen ich irgendwie schon mit einem Scheißgefühl aufwache und meine innere Kritikerin scheinbar schon vor mir aus dem Bett steigt. Sie nörgelt. Sie schaut genau hin. Und sie findet sowieso alles einfach scheiße. Also hat sie auch auf nichts Lust. Schon gar nicht auf Arbeiten und irgendetwas für andere tun. Denn die Welt sollte sich ausschließlich um sie drehen. Die Kritikerin sorgt bei mir für richtig miese Stimmung. Und genau dann besteht „akute Einbruchgefahr“. Heißt: Es besteht die Gefahr, dass ich zu heulen anfange, schreie wie am Spieß oder dem Irrglauben erliege, dieser Tag ließe sich nur noch mit ganz viel Süßigkeiten retten. Heulen und schreien tut man ja als Erwachsene in der Öffentlichkeit nicht. Dann bleibt eigentlich nur die Flucht ins Schlemmerland. Gott sei dank hat die Gute in mir das Ruder in die Hand genommen.

Ich komme mit einem Busfahrer ins Gespräch, der wie ich eine halbe Stunde auf die Buslinie 31 wartet. Fahrerwechsel. Allerdings ist aufgrund von Baustellen im Stadtgebiet Thon Totalchaos. Verspätungsalarm. Wir sind zu fünft auf dem Bussteig. Während ich zu zweidrittel noch bei meinen eben ausgeführten Gedanken zur Einbruchgefahr bin, haben die anderen nur noch ein Thema: das Baustellenchaos. Dann biegt der Bus um die Ecke. Zu dem Busfahrer, der das Ganze auch mit einer Portion Humor zu nehmen scheint, sage ich freudig: „Warten will gelernt sein.“ Er: „Nur der Weise ist geduldig, sagte Konfuzius.“ Er schmunzelt. Ich freue mich. Für einen kurzen Moment habe ich diese gute Verbindung gespürt. Menschlichkeit! Vermindert meine Einbruchgefahr. Kurze Zeit später laufe ich mit meiner Kollegin von der Bushaltestelle die letzten Meter Fußweg. An einem Haus lese ich ein Firmenschild: „Einbruchschutz (für Ihr Haus)“. Ich freue mich wieder. Ich bin dankbar. Wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe, zeigt mir Gott das Gute zwischen dem Schlechten. Er lehrt mich. Er amüsiert mich. Er mahnt mich. Er liebt mich. Das ist mein bester Einbruchschutz an Tagen wie diesem.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s