Spitzenverdiener

Vorneweg: Wie du vermutlich festgestellt hast, liebe ich Wortspiele. Dieser Eintrag ist keine Bettlektüre und zählt eher zur Kategorie „halbgare Gedanken“, aber ich möchte ihn dennoch als Anregung teilen…:

Ihr kennt es vielleicht?! Beim Fensterputzen erlebe ich jeden direkt einfallenden Sonnenstrahl als Kriegserklärung. „Streifenfrei“ – schier unmöglich. Um als Mitglied beim Nürnberger Tauschring mein Stundenkontingent zu erhöhen, habe ich den Kampf auf mich genommen. Ansetzen, abziehen, ansetzen, abziehen. Gefühlte Endlosschleife. Im Ergebnis für meine Tauschpartnerin zufriedenstellend. Für den Einsatz vor einigen Wochen gab es zwei Stunden auf’s Konto gut geschrieben. Wohlverdient!

Ist eine tolle Sache der Tauschring! In diesem Verein tauschen Menschen Dienstleistungen gegen Zeit: Radreparaturen, Hosenkürzen und Umzugshilfe, Fahrdienste, Haare schneiden, Brotbacken bis hin zur Steuererklärung… Es gibt eigentlich keine Arbeit, die rund um Haus und Hof nicht getauscht wird. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Denn können tun wir ja Vieles. Aber nicht’s gibt’s umsonst.

Jeden zweiten Sonntag im Monat findet im Nürnberger Südstadtform ein Tauschcafé statt: zum Tratsch und zum Kuchenessen. Organisiert wird das von Aktiven des Vereins, die dafür 2 Stunden Zeitguthaben bekommen. Das Kuchen- und Tortenbackamt hat Anita. Wir schlemmen. Nach meiner Schätzung geht jedes Tauschring-Mitglied durchschnittlich 2,5 Mal ans Buffet. Die Gäste vermutlich eineinhalb Mal mehr. Anita und ihre Freundin haben heute Nacht bis 3 Uhr gebacken und garniert. Am Nachmittag stehen sie da wie Konditorenmeisterinnen: zurecht gemacht, mit Lächeln, Spitzenschürze und Häubchen. Von Müdigkeit keine Spur. Ich bin beeindruckt. „Für all die Mühe und den Spitzenauftritt haben sie doch wirklich mehr verdient als die zwei Stunden!“, denke ich. „Wär‘ schön, wenn die Herren Spitzenverdiener in Deutschland mal etwas von ihrem großen Sahnetortenstück abgeben würden – für all das, was wir (Anita, ihre Freundin, du und ich) so leisten“, führe ich meine Gedanken aus. Ich fange an, mich über das Unrecht hier und in der Welt aufzuregen, über Einkommensgefälle und die unzureichende Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements in unserer Gesellschaft.

Zurück zuhause fällt mir das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ein und ich denke an die Predigt heute morgen: Wir brauchen uns Gottes Liebe nicht verdienen. Jeder bekommt gleich viel, ungeachtet davon wie viel er geschafft hat. Mindestlohndebatte im Matthäusevangelium (Matthäus 20 / 1 – 16). Ziemlich provokant. Ich sehe mich auf der Seite der Wut schnaubenden Arbeiter, die den ganzen Tag gerackert haben und sich unfair behandelt fühlen. Leistung muss schließlich belohnt werden! Aber Jesus hat andere Maßstäbe. Radikale Gleichbehandlung statt Spitzeneinkommen. Ich muss mich gerade ehrlich fragen, was für mich leichter zu akzeptieren ist. Zum Ende dieses komplexen Gedankengangs bin ich zugegebenermaßen dankbar, dass ich mich entrüsten und mir über vieles den Kopf zerbrechen kann, aber nicht alles selbst entscheiden und die Welt retten muss. Ich bin dankbar, dass ich manchmal einfach nur sein darf. Ohne machen, ohne tun, unverdient spitze!

Mehr Infos zum Tauschring – Gib und Nimm e.V. findest du auf www.tauschring-nuernberg.de.

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