Alles nur Fassade

Manchmal, wenn ich in Nürnberg an den vielen Mietshäusern mit buntem Anstrich vorbeigehe, würde ich gerne einen Blick hinter die Fassade werfen. Betrete ich eine Wohnung, eröffnet sich mir eine Innenwelt, die oft ganz anders ist, als das, was ich mir zuvor ausgemalt habe. Zumeist bin ich sehr positiv überrascht – nicht von der Einrichtung als solches (ja, manchmal auch das!): Ich fühle mich wohl, in fremden Wohnungen zu Gast zu sein. Für mich sind dies Einladungen, einander in einer anderen Weise zu begegnen als wir das im Alltag, auf der Arbeit, beim Sport, auf der Straße oder beim Einkaufen tun. Die Person zeigt mir etwas mehr von sich. Sie zeigt mir, wo sie zu Hause ist, dort, wo sie – und wenn sie es nur für sich alleine und für kurze Zeit tut – ihre Masken abnimmt. Die Wohnung eines Anderen zu betreten, das hat für mich etwas Heiliges. Ich betrete ein Stück Intimssphäre des Anderen. Ich erlebe das als große Bereicherung. Ich bin dankbar und bemühe mich, der Person und ihrer Wohnung mit entsprechendem Respekt zu begegnen.

Ein Gedankenspiel: Ich klingele unten an der Haustüre, in Vorfreude und Neugier darüber, was mich oben erwarten wird. Ich stelle mich darauf ein, dass ich die Wohnung betrete, mir die Schuhe ausziehe und auf einem Sofa oder Stuhl Platz nehme, die Bilder und Dekoration beschaue, während mir mein Gastgeber einen Tee oder Kaffee kocht und ein paar Kekse auf den Tisch stellt – als Auftakt sozusagen, bevor wir zu erzählen beginnen… Doch dann – die Haustüre öffnet sich – übertrete ich die Schwelle und finde mich schlichtweg auf der Hausrückwand wieder. Kein Hausflur, keine Wohnungstüre, keine Innenansicht. Alles nur Fassade! Da stehe ich nun – bleibe außen vor. Enttäuschung macht sich breit. Leere. Was soll das? Ich werde sogar ein bischen wütend. War das etwa alles nur Show?

Das Wort „Fassade“ beschreibt laut Duden neben der vorderen Außenwand eines Gebäudes ein „äußeres Erscheinungsbild, das über den wahren Hintergrund, das eigentliche Wesen von jemandem, nichts aussagt, es verbirgt.“ Im Alltag ist Vieles ersteinmal Fassade. Wir alle tragen unsere Masken. Es ist kaum möglich, ohne etwas Fassade als ganzer Mensch in unserer Gesellschaft zu bestehen. Nur ich befürchte: viele Menschen wissen gar nicht, wer und was sie als Ganzes und im Innern sind. Oder sie haben Angst davor, sich damit zu zeigen. Wir werkeln an unserer Fassade: an unserer Kleidung, der Figur, dem Erscheinungsbild. Und wir vergessen dabei unser Inneres zu pflegen, unsere Gedanken, unser Herz.

Für mich hat es einen ganz besonderen Wert, wenn mich Menschen hinter ihre Fassade blicken lassen. Ich freue mich, Menschen zu treffen, die nicht so supersaniert aussehen, Menschen, die in ihrer Natürlichkeit erstrahlen, Menschen, die authentisch sind. Das ermutigt mich, mich auch so zu zeigen. Doch wie schaut Gott auf uns, auf dich und mich?

Gott läßt sich durch menschliche Fassaden nicht täuschen. Er sieht unser Herz und unsere Gedanken, ob wir Ihn bewusst einlassen oder nicht. Das kann vielleicht, sollte dir aber keine Angst machen. Gott ist nicht der „big brother“ eines Überwachungsstaates, der uns kontrolliert und alle Details zu unserer Person gnadenlos gegen uns verwendet. Im Gegenteil: Dass er mich kennt und sieht, wie ich wirklich bin und mich genauso liebt, das nimmt mir die Angst, das gibt mir Freiheit: Ich brauche mir nicht den Kopf zerbrechen, wie ich am besten Eindruck bei Ihm schinde. Ich muss mich nicht sorgen, wenn ich bei Seinem unangekündigten Besuch meine „Gedankenbude“ nicht aufgeräumt habe. Er kommt einfach gerne zu mir, weil Ihm an mir gelegen ist. Er freut sich bei mir und mit mir zu sein. Er braucht keinen Kaffee, keine Kekse, kein Geplänkel.

Ich bin mir sicher: Er hat seine Freude an meiner Echtheit, wenn ich so bin, wie Er sich das gedacht hat. Ohne Maske, ohne Schein. Echtsein in einer Gesellschaft, die voller Schauspiel und Maskerade ist, ist eine Herausforderung. Doch ich finde: Diese Show muss nicht weitergehen! Gott zeigt mir, dass ich mich vor dem Echtsein nicht fürchten muss. Ich wünsche uns allen mehr Mut, uns selbst mit allem, was wir sind und dort, wo wir sind, zu zeigen. Ich wünsche uns, dass wir einander einladen, hinter die Fassade zu blicken, um die Schönheit des Echten zu erleben.

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