Wie zu Kindertagen

Wenn die Stadt lärmt, hupt, stinkt und schreit,

am liebsten würd‘ ich rennen.

Wenn Menschen in der Stadt sich drängen, ins Leere reden,

sich kaum kennen,

Erinnerung an Kindertage – das Einzige, was bleibt.

Wenn Stadt und Mensch mehr schlecht als recht,

ich meine Welt kreiere,

das Gute suche, und es finde. Im Innern große Traurigkeit.

Ich schau sie an, sie schaut zurück.

Das Kind im Glück, wie war das gleich?

Vor mir steht’s hier, fängt’s Weinen an.

Ich denk: „Halt’s fest, tust gut daran.“

Ich drück‘ es an mich, stehe still.

Die Menschen, die Stadt, nicht, was ich will!

In diesem Moment, in dieser Stund‘, ist Trauer nur…gewiss.

Da bin ich Kind und folg der Spur der Sehnsucht tief in mir.

Umarme sie, die Traurigkeit und bin umarmt zur selben Zeit:

Gott sieht mich, sorgt sich, ist bereit, als wär ich sie – die Einzge hier.

In dieser Welt, in dieser Stund‘, tu ich es kund:

„Da bin ich: Kind von Glücklichkeit!“.

Taste the Waste

Abfall ist nicht gleich Abfall. Ich nehme es seit Einführung der Mülltrennung damit sehr genau. Ich hasse es, Lebensmittel und andere Dinge wegzuwerfen, die im Grunde noch verwertbar sind. Drei Arten Abfälle erhielten diese Woche meine Aufmerksamkeit: Der Mix von Apfelbutzen, Eierschalen und Gorgonzolaresten im kompostierbaren Beutel bei mir zuhause. Die welken Blätter und Strünke von Gorbatschow-Basilikum, Marokkanischer Minze und Ananassalbei bei uns in der Gärtnerei. Und die ausrangierten Gurken, die es bei „Gutes vom Vortag“ zu kaufen gibt: extrakrumm und trotzdem knackig zum halben Preis.

Diese Abfälle haben für mich ein besonderes „Gschmäckle“:

Nummer Eins, der Biomüll in meiner WG, schmeckt für mich nach Gemeinschaft und Beziehungsarbeit. Ich bin dafür verantwortlich, ihn regelmäßig zu leeren, egal wieviel Abfall ich selbst verursacht habe. Nummer Zwei, der Haufen mit abgezwickten Blatt- und Stilresten schmeckt für mich etwas bitter, weil die Arbeit zwar sinnvoll, aber ziemlich Kräfte zehrend ist. Ich bin froh um jeden vollen Eimer, den ich in den Container schütten kann, weil diese Handlung die letzte eines anstrengenden Arbeitstages ist. Nummer Drei schließlich, die Gurken, die kein Supermarkt mehr will, die schmecken einfach köstlich!

Was ich damit sagen will? Ich weiß nicht genau. Vielleicht, dass es sich lohnt, die Dinge auseinander zu halten! Egal, ob es um Abfälle oder andere Sachverhalte geht. Ja, ich mag eine differenzierte Sichtweise! Nein zum „Alles-über-einen-Kamm-scheren“. Ja zu Wohngemeinschaften mit klarer Aufgabenteilung. Nein zu Zweck-WGs ohne funktionierenden Müll- und Putzdienst. Ja zu Bioland-Betrieben. Nein zu schlechten Arbeitsbedingungen. Ja zum guten Geschmack. Nein zu Perfektion und Einheitsgrößen.

Chaos im Kopf nach diesem Essay über Abfälle und dennoch gleicher Meinung? Gut, dann bleibt mir ja nur noch das moralische Ende der Geschicht‘: Investiere dich in Gemeinschaften, geh sorgsam mit deinen eigenen Ressourcen um, freue dich am natürlichen Genuss… und schmecke den feinen Unterschied.

Für alle, die mehr Moralgeschichte suchen oder sich schlichtweg informieren möchten, empfehle ich heute den mehrfach ausgezeichneten Film „Taste the Waste“ von Valentin Thurn auf www.tastethewaste.de .

Die Unberührten

70 Jahre Kriegsende. Gott sei Dank! Die Gräuel des zweiten Weltkrieges und die unfassbaren Grausamkeiten des Holocaust sind Geschichte. Ein Leben lang bleiben sie uns in Erinnerung – als Mahnmal dafür, wozu wir Menschen fähig waren und sind.

In Nürnberg erlebe ich dieses Jahr eine besondere Atmosphäre. Mindestens einmal pro Woche fahre ich mit dem Rad durch die Straße der Menschenrechte. Der Publikumsverkehr vor dem Germanischen Nationalmuseum verlangt mir einen waghalsigen Slalomlinienkurs ab. Kollissionsfrei bahne ich mir den Weg zwischen Mensch und Marmorsäule. Mit dem Blick streife ich die Artikel-Gravuren. Für meine Jura-Abschlussprüfung wählte ich „Den Begriff der Menschenwürde im Internationalen Vergleich“ zum Thema. Das ist sechs Jahre her. Seit ich am Eingang des Opernhauses den Banner „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ fotografierte, habe ich eine neue These entwickelt:

Bei aller Achtung vor unserer Unantastbarkeit sind wir zu Unberührten geworden! Obwohl wir Menschen Berührungen so dringend brauchen. Ich denke an Jesus. Jesus war ein Mann des Körperkontaktes. An zahlreichen Stellen der Bibel wird deutlich, wie er Kraft Handauflegung Menschen heilte, wie durch das Berührtwerden Menschen gesund geworden sind. Auch die Medizin hat Heilpraktiken, die auf Berührung als Heilmittel setzen. Allerdings: Ich will für Berührungen nicht bezahlen und zum Arzt gehen müssen! Mir gefällt außerdem nicht, dass Berührungen primär nur zwischen Paaren stattfinden (von meiner Ernüchterung darüber, dass viele Paare sich außerhalb des sexuellen Kontaktes gar nicht mehr berühren, will ich gar nicht schreiben!). Jedenfalls nehme ich einen starken Mangel an (nichtsexuellem) Körperkontakt in unserer Gesellschaft wahr. Was meinst du?

Ich würde behaupten, dass unser schweres historisches Erbe und unser Menschenrecht auf Unantastbarkeit mit dazu geführt haben, dass wir uns kaum trauen, einander zu berühren. Der deutsche Handschlag hat zwar seinen Wert, ersetzt aber keine Umarmung. Es gibt halbherzige und zögerliche Umarmungen. Und es gibt solche, bei denen ich spüre: Die andere Person ist mir nah und wohl gesonnen. Trotz oder vielleicht aufgrund dieser achtsamen Nähe begreife ich den Wert meiner Menschenwürde. Das fühlt sich gut und heilsam an. Ich wünsche uns allen Mut und Freude am behutsamen Herantasten und Berühren – sozusagen eine kleine Geste des Friedens!

Für alle, die durch meine Gedanken inspiriert sind, enthält das Buch „Der unberührte Mensch: Warum wir mehr Körperkontakt brauchen“ von Dr. Cem Ekmekcioglu und Anita Ericson eventuell noch mehr Anregungen.

Hokuspokus Heiliger Geist

Wir alle sprechen biblisch. Es gab im letzten Jahr eine super Kolumne in der RP Online von Lothar Schröder dazu. „Hiobsbotschaft“, „mit etwas schwanger gehen“, „auf keinen grünen Zweig kommen“, „Stein des Anstoßes nehmen“ und viele weitere Redewendungen haben ihren Ursprung in der Bibel.

Als ich an einer Nürnberger Hauswand das Affenbild erblickte, kam mir das Wort „Hokuspokus“ in den Sinn. Später stieß ich im Internet auf eine interessante Theorie zur Herkunft des Begriffs: Angeblich leitet er sich vom Lateinischen „Hoc est enim corpus meum“ (deutsch „Denn dies ist mein Leib“) ab. Diese Formel wurde früher in der katholischen Kirche während der Eucharistiefeier gesprochen. Das Fußvolk, das kein Latein verstand, habe aus der priesterlichen Wandlungsformel das Wort „Hokuspokus“ herausgehört, so die etymologische Erläuterung. Da dem Vorgang der symbolischen Verwandlung von Hostie in den Leib Jesu Christi ein gewisser Zauber anhaftete, fand die „Hokuspokus“-Formel Eingang in die Alltagssprache, so die Theorie.

In diesen Tagen feiern wir Pfingsten. Ein christliches Hochfest, an dem die – von Jesus angekündigte (Johannes 14 / 15-31) – Ausgießung des Heiligen Geistes gefeiert wird. Dass der Heilige Geist „als Kraft aus der Höhe“ (Lukas 24 / 49) auch auf mich herabgekommen ist und in mir als Geist der Wahrheit lebt, das kann für einen Nichtchristen schon wie „Hokuspokus“ klingen. Es ist auch für mich nicht leicht, den Heiligen Geist zu greifen, geschweige denn, Dritten das Wirken des Heiligen Geistes in mir zu beschreiben. Ja, es hat schon etwas Zauberhaftes. In der Apostelgeschichte (2 /1-41) wird berichtet, dass sich die Jünger Jesu am 50. Tag nach Ostern versammelten und dort den Heiligen Geist empfingen. Tausende Menschen bekehrten sich und ließen sich taufen. Dieses Geschehen wird auch als Geburtsstunde der christlichen Gemeinde und somit auch der Kirche bezeichnet.

Ich glaube an den Dreieinigen Gott, den Vater, den Sohn und eben auch an den Heiligen Geist. Ich kann mich auf die Worte Jesu in der Bibel stützen, auch wenn der Heilige Geist nicht immer spürbar in mir ist. Gott hat Ihn uns als Beistand und Lehrer gegeben (Johannes 16 /4b-15). „Komm Geist Gottes, tu was dir gefällt“ sangen wir gestern im Gottesdienst. Ich glaube, dass diese Hinwendung zum Heiligen Geist und ein ehrliches Einlassen auf Ihn die beste Voraussetzung dafür ist, Ihn tatsächlich zu hören und zu erfahren. Nicht als falschverstandene Hokuspokus-Kurzformel, sondern in aller Klarheit und Kraft.

Treusein

Manchmal ist es so: Ich zweifle. Ich frage mich, ob dies der richtige Weg ist. Gott, wo bist du? Ich bin unzufrieden, sehne mich nach Veränderung, fühle den Mangel.

Vielleicht sollte ich noch etwas anderes studieren? Besser ich kündige diesen Job. Ich überlege: Macht es Sinn, mich weiter in diese Beziehung zu investieren? Ich kann es einfach nicht mehr ertragen. Ich hadere mit mir: Nein, so kann das nicht weiter gehen. Jetzt wird alles anders!

Ich esse zum Frühstück Kiwi – schön auf meinem Teller trapiert – um mittags festzustellen: Ich habe Riesenhunger – will keine Selbstkasteiung! Als natürliche Konsequenz esse ich dann die doppelte Portion Pestonudeln mit Parmesan, und (esse) später wie gewohnt weiter. Dann sage ich mir: Das ist irgendwie besser als „(Unreife)-Kiwi-Aushöhlen“ (die verträgt sich nämlich auch gar nicht mit meinem Milchkaffee) und übe mich in Selbstliebe: So wie ich jetzt bin, bin ich wunderschön!

Oft wollen wir es anders haben. Oft wollen wir anders sein. Doch die Sache mit der Treue, die hat schon etwas für sich. Nicht abhauen. Nicht weggehen. Bleiben. Nicht so viel an sich rumwerkeln und nicht an Anderen. Manchmal gerade dann, wenn es am Schwersten scheint. Den Brunnen tiefer graben, statt aufbrechen. Solange, bis ich irgendwann zum Grundwasser vordringe, aus dem Vollen schöpfen kann, mich erfrischt und erfüllt fühle.

Denn auch an einem anderen Ort, mit anderen Menschen und mit einem anderen Partner werden sich nicht alle meine tiefsten Sehnsüchte erfüllen. Ich lebe in dieser Welt und da ist nicht alles so gut, wie ich mir das erträume. Allerdings glaube ich auch: Das Beste kommt noch!

Mit meinem Unmut, mit meinem Frust, im Leiden und in all meiner Verzweiflung kann ich mich Gott anvertrauen. Wenn ich mich auf Ihn einlasse und mich in Ihn investiere, wenn ich mit Ihm rede, statt zu schweigen, dann verändern sich die Dinge. Dann verändere ich mich – ohne dass ich zwangsläufig so viel um mich herum ändern muss. Wenn ich mich treu Gott zuwende und mich auf Seine Liebe einlasse, wird mein Mangel geringer. Wird mein Herz friedlicher. Wenn ich Seine Gegenwart suche und vor Ihn trete, mit allem, was ich bin, dann rüstet Er mich aus für Beziehungen, für Situationen, für Herausforderungen dieser Welt. Es tut gut, treu zu sein. Gerade dann, wenn es mir besonders schwer fällt, erlebe ich: Im Treusein schenkt mir Gott immer wieder Momente der Glückseligkeit – ohne Angst, ohne Zweifel. Momente, in denen ich erkenne, wie gut es tut, zu bleiben, auszuharren, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, zu streiten und zu vergeben, wie gut es tut, zu lieben.

In den Zeilen von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (der Losungstext von heute) lese ich Heilsgewissheit und Frohsinn für all diejenigen, die treu sind:

Die Liebe wird uns leiten, den Weg bereiten und mit den Augen deuten auf mancherlei, ob’s etwa Zeit zu streiten, ob’s Rasttag sei. Wir sehen schon von Weitem die Grad und Zeiten verheißner Seligkeiten: nur treu, nur treu!