Die Unberührten

70 Jahre Kriegsende. Gott sei Dank! Die Gräuel des zweiten Weltkrieges und die unfassbaren Grausamkeiten des Holocaust sind Geschichte. Ein Leben lang bleiben sie uns in Erinnerung – als Mahnmal dafür, wozu wir Menschen fähig waren und sind.

In Nürnberg erlebe ich dieses Jahr eine besondere Atmosphäre. Mindestens einmal pro Woche fahre ich mit dem Rad durch die Straße der Menschenrechte. Der Publikumsverkehr vor dem Germanischen Nationalmuseum verlangt mir einen waghalsigen Slalomlinienkurs ab. Kollissionsfrei bahne ich mir den Weg zwischen Mensch und Marmorsäule. Mit dem Blick streife ich die Artikel-Gravuren. Für meine Jura-Abschlussprüfung wählte ich „Den Begriff der Menschenwürde im Internationalen Vergleich“ zum Thema. Das ist sechs Jahre her. Seit ich am Eingang des Opernhauses den Banner „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ fotografierte, habe ich eine neue These entwickelt:

Bei aller Achtung vor unserer Unantastbarkeit sind wir zu Unberührten geworden! Obwohl wir Menschen Berührungen so dringend brauchen. Ich denke an Jesus. Jesus war ein Mann des Körperkontaktes. An zahlreichen Stellen der Bibel wird deutlich, wie er Kraft Handauflegung Menschen heilte, wie durch das Berührtwerden Menschen gesund geworden sind. Auch die Medizin hat Heilpraktiken, die auf Berührung als Heilmittel setzen. Allerdings: Ich will für Berührungen nicht bezahlen und zum Arzt gehen müssen! Mir gefällt außerdem nicht, dass Berührungen primär nur zwischen Paaren stattfinden (von meiner Ernüchterung darüber, dass viele Paare sich außerhalb des sexuellen Kontaktes gar nicht mehr berühren, will ich gar nicht schreiben!). Jedenfalls nehme ich einen starken Mangel an (nichtsexuellem) Körperkontakt in unserer Gesellschaft wahr. Was meinst du?

Ich würde behaupten, dass unser schweres historisches Erbe und unser Menschenrecht auf Unantastbarkeit mit dazu geführt haben, dass wir uns kaum trauen, einander zu berühren. Der deutsche Handschlag hat zwar seinen Wert, ersetzt aber keine Umarmung. Es gibt halbherzige und zögerliche Umarmungen. Und es gibt solche, bei denen ich spüre: Die andere Person ist mir nah und wohl gesonnen. Trotz oder vielleicht aufgrund dieser achtsamen Nähe begreife ich den Wert meiner Menschenwürde. Das fühlt sich gut und heilsam an. Ich wünsche uns allen Mut und Freude am behutsamen Herantasten und Berühren – sozusagen eine kleine Geste des Friedens!

Für alle, die durch meine Gedanken inspiriert sind, enthält das Buch „Der unberührte Mensch: Warum wir mehr Körperkontakt brauchen“ von Dr. Cem Ekmekcioglu und Anita Ericson eventuell noch mehr Anregungen.

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