Anstandsbitte(r)

Ich schiebe mein Rad auf dem Gehweg. Es ist brütend heiß. Die mir entgegen kommenden Passanten schauen mürrisch, als hätten nur Kinderwägen ein Rollrecht auf Bürgersteigen. Lauter Seufzer. Hört im Getümmel ja sowieso keiner.

Plötzlich aus der Menge klare Worte: „Die hat Anstand! Die schiebt ihr Rad!“ Ich ordne die Stimme einem Mann zu, der mich im Vorbeigehn anblickt. „Dankesehr! Das scheint ein Kompliment zu sein, guter Mann!“ Denke ich etwas zynisch. Schaue kurz zurück. Dabei sollte ich mich wohl gut fühlen: Ich bin gesehen. Anerkennender verbaler Beifall eines alten Herren, weil ich mein Rad schiebe. Weil ich nicht anstandslos wie eine Irre durch die Meute kurve. Weil ich Anstand habe! Irgendwie reagiere ich dennoch mit Widerwillen (spare mir jedoch einen Kommentar…wirklich schade!!!).

Stattdessen: Innerer Dialog. „Die hat Anstand!“ ich wiederhole seine Worte. „Scheiße!“ denke ich. „Ehrlich? Mir ist grad gar nicht nach Anstand! Am liebsten würde ich mich gerade jetzt auf’s Rad setzen, lauthals krakelen und die Passanten verscheuchen. Freie Bahn…jetzt komme ich!“

Natürlich überziehe ich gerade ein wenig. Trotzdem geben mir der Mann und sein Kommentar „Die hat Anstand!“ einen Impuls zum Nachdenken, den ich teilen möchte. Nachdenken worüber? Über den Anstand, die guten Manieren, über Regeln und die Harmoniefalle. Ich mache mir in diesem Moment ernsthafte Gedanken darüber, dass ich zu anständig bin. Warum eigentlich? Verderbe ich mir nicht durch die anständige Regeleinhaltung oft die Freude am Übermut? Warum traue ich mich so oft nicht, meine Meinung zu sagen – des guten Anstands Willen?!

Du musst dies!, …Du darfst das nicht!,… Tu dies!,… Lass das!,… und so weiter. Bloß nicht aus der Reihe tanzen. Auf keinen Fall laut werden. Unkontrolliert Lachen, Schreien, Schnauben, gehört sich irgendwie nicht. Reden darf man immer. Kommentare und Bewertungen abgeben. Aber bitte mit Anstand!

An dieser Stelle also, lieber Leser, ein hitzköpfiger Beitrag zum Thema Anstandsbitte – für Querdenker (ich bin ja schon ziemlich ausgeschweift): Ich finde, dass wir uns ziemlich oft, ziemlich viel verbieten. Wir erlauben uns nicht, wonach uns ist und wonach wir uns sehnen und beschneiden dadurch unsere Natur. Im Extremfall wirst du, werde ich, den lieben Anstandsregeln zum Opfer fallen und irgendwie bitter darüber, dass Andere noch Freude am Leben haben, weil wir uns selbst zu sehr maßregeln. Oder wir schlucken unseren Unmut, unseren Frust herunter, statt ihn auszusprechen. Daher heute ein Plädoyer, sich etwas Ungezähmtheit zu erlauben: Ich darf auch mal auf dem Bürgersteig fahren – zwischen den Passanten herumkurven. Ich darf auch mal mit der Faust auf den Tisch haun. Ich darf auch mal sagen, was mir nicht passt – und zwar so, dass es jeder hört. Anstandslos!

Jesus macht mir mit seiner ungestümen Tempelreinigung Mut (Matthäus 21 / 12-13). Ich mache mir das an diesem Wochenende zum Ziel: Weniger falschen Anstand, mehr echte Freiheit. Natürlich, nicht ohne Respekt! Aber ebenso wichtig: Mit Mut zu mir selbst. Mut zur Aktion, Mut zur Reaktion.

2 Kommentare zu „Anstandsbitte(r)“

  1. So liebe Anna, gebe mal meine Gedanken weiter:) Anstand frage mich auch oft im Alltag wo ist der hin , diese Welt ist so schnelllebig und scheinbbar ist das nicht mehr wichtig leider wirklich schade.. aber zum Glück es gibt noch Ausnahmen.. weiter so Anna 😉

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    1. so korrektur vom Mir Anna ;)) habe falsch verstanden weiss warum auch immer danke für deinen Tipp, ich würde zu öft gerne aus den Abstand ausbrechen und mal nicht nach den Regeln zu funktionieren, aber irgendwie kommt bei einem dann immer diese Gedanken und man lässt es sein und funktioniert, wie immer sage irgendwann breche aus und nix kann mich aufhalten… 🙂

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