Freude am Unfertigen

Baustellen sind cool. Zumindest aus Kindersicht betrachtet. Insbesondere, wenn große Kräne und Bagger im Einsatz sind. Ich sehe das ein bischen anders. Ich hasse Baustellen. Ich meine nicht die, die zu stockendem Verkehr in der Nürnberger Innenstadt führen. Nein, ich meine, meine eigenen. Die großen und kleinen Baustellen in meinem Leben. Gleichwohl hier eine metaphorische Betrachtung:

Am Karl-Bröger-Platz wird seit einiger Zeit gebaut. „Sechzig Prozent verkauft“ informiert ein weißes Schild mit schwarzen Druckbuchstaben am Baustellenzaun. Tiefes Baggerloch und Bauschutt. Ich suche nach einer Tafel, die Aufschluss darüber gibt, was da verkauft wurde. Kein Infoboard mit Grundriss oder Modellbildern. Aber eine Telefonnummer für Interessierte pappt am Gitterzaun. Ich tippe auf den Bau von Eigentumswohnungen. Und finde es derweil bemerkenswert, dass sechzig Prozent davon bereits verkauft wurden, ohne dass es hier auch nur annähernd nach Wohnraum aussieht.

Ist das nicht mutig? Da wird Bauplänen vertraut und werden Kaufentscheidungen getroffen, bevor die lieben Damen und Herren überhaupt real gesehen haben, wo sie Monate später tatsächlich wohnen werden.

Mir fehlt es oft an Vertrauen, dass Gottes Plan für mein Leben gut und richtig ist. „Nun, Mister Gott! Meine äußeren Umstände sind gerade nicht so, wie ich das gerne hätte. Es fühlt sich scheiße an! Die letzten Wochen war ich auf vielen meiner Baustellen unterwegs. Ich habe mir meine wohl überlegten Pläne angeschaut, gelegentlich wütend oder einem Heulkrampf nahe, weil sie doch so anders sind, als das, was du scheinbar vorhast mit meinem Leben. Nimm’s mir nicht übel, aber irgendwie habe ich mir das echt anders vorgestellt!“ Ich unterbreche meine kleine Anklage. Und blicke zurück:

In den letzten Jahren hat es in meinem Leben gestürmt, dass sich die Balken biegen. So einiges ist dabei um mich herum zusammengestürzt. Situationen, Menschen und Ereignisse haben für Risse und Brüche gesorgt. Manchmal – an den grauen Tagen, in den dunklen Stunden, in den Momenten schmerzlicher Verzweiflung – da sehe ich das ganze Ausmaß der Verwüstung (ein Trümmerfeld von Verlust, Niederlage, Frustration, Enttäuschung, ungestillter Sehnsucht). Ich schließe die Augen und bete mich weg. „Hin zu Dir, mein Gott.“ Und plötzlich – vor allem während der Lobpreiszeiten im Gottesdienst – erhebt sich in mir eine Freude an all dem Unfertigen auf den Baustellen meines Lebens.

Ich sehe, dass Neues entsteht, wo Altes abgerissen wurde. Ich sehe ein hammerhartes Fundament und eine wirklich gute Bausubstanz, die alles Nötige enthält, um seinen Plan an mir zu realisieren. Auch wenn ich immer wieder ringe, weiß ich, dass sich meine Herzenssehnsucht nur dann erfüllt, wenn ich Gott seinen Plan für mein Leben verwirklichen lasse.

Mitten im Chaos des Unfertigen, des noch nicht Sichtbaren, spricht eine Stimme aus mir heraus: „Es ist alles wohl durchdacht. Ich habe einen guten Plan für Dich und werde ihn vollenden.“

Die Bibel sagt im Johannes-Kapitel 14, 2-3: „“In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.““

Daraus nehme ich für mich die letzte Gewissheit eines Happy Ends. Nach allem, was mich in der Welt bedrückt, was mir fehlt, was mir so unfertig erscheint, hat Gott einen Platz im Himmel für mich reserviert – ohne Schutt, Gerüst und Baustellenlärm. Vollauf fertig! Himmlischen Wohnraum zum Wohlfühlen und Aufatmen. Und zugleich bleibt dieser Rest-Zweifel, bleiben Ungeduld und Misstrauen gegenüber Gottes Bauplan für mein Leben in dieser Welt. Umso dankbarer bin ich um die Momente der Freude am Unfertigen in meinem Leben, wünsche mir mehr davon, auf dass mein Misstrauen schwindet und ich immer mehr von seinem guten Plan für mich erkenne und sehe.

Ein Gedanke zu „Freude am Unfertigen“

  1. Hallo Anna, ich habe sehnsüchtig gewartet 🙂 viele Teile wo Du hier schreibst sind mir passiert, durch dieses wurde bei mir ein unverwüstliches, besseres, hartes, sehr stabiles Fundament gebaut, das es locker mit dieser Welt, Umstände usw. aufnehmen kann.
    Durch dieses Fundament weis man noch mehr wer hinter einem steht und bekommt so eine Zufriedenheit auf sein Leben. Durch Diese Zufriedenheit spürt so einen Balsam auf seinem Herzen und seiner Seele das man alles schaffen kann und sich sehr gesegnet fühlt. 🙂

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