Schirmherrschaft

Vielleicht kennst du das? Tatsache ist: Du bist wichtig! Trotzdem kannst du es manchmal nicht glauben. Du bist verunsichert, wenn andere dich oder dein Handeln in Frage stellen. „Was machst du? Was willst du damit machen? Hast du das schonmal gemacht?“ Gegenüber gewissen Frage-Antwort-Situationen möchte ich mich am liebsten abschirmen. Bloß keine Fragen jetzt! Schnell weg hier, irgendwo verkriechen, weil sich die innere Kritikerin und der Rest der Welt gegen mich verschworen haben. Die Message, die dann durch solche Fragen bei mir ankommt, ist nämlich die: Um wichtig zu sein, muss ich irgendetwas tun. Einfach nur sein – das geht doch nicht! Also: Was machst du? … Ähm…nichts! Du meinst, was ich arbeite? … Nichts, ich bin gerade arbeitslos. Schweigen auf der Gegenseite. Aha!-Gesichtsausdruck. Und ich fühle mich schlecht,…irgendwie unwichtig, weil ich zur Zeit nichts Weltbewegendes tue.

Kennst du das? Den Wunsch und die Bestrebung, dich wichtig zu fühlen? Dann will ich dir eine kleine Geschichte erzählen – über’s Wichtigsein, über Stolz und… über den Begriff der Schirmherrschaft (den Zusammenhang dieser drei erfährst du beim Weiterlesen…keep going!).

Als Schülerin nahm ich mehrfach an Schüler-Planspielen teil. Hauptmotiv: Mich wichtig fühlen. Und so war ich beispielsweise eine von 120 Schülerinnen und Schülern, die im Rahmen der Expo im Jahr 2000 bei „EXPOMUN“ mitmachte. Die Abkürzung „MUN“ steht für Model United Nations. Die Idee dieses UN-Planspiels bestand darin, in die Rolle eines UN-Länderdelegierten zu schlüpfen und Weltpolitik zu machen. Hieß: Diskutieren über Handelsverträge (ich war Delegierte des Staates Jamaika im Wirtschafts- und Sozialausschuss). Aushandeln. Resolutionen verabschieden. Ich hatte wenig Ahnung von Jamaika, dem Land, das ich während der Sitzungswoche vertrat. So brachte ich mich auch relativ wenig in die Debatten ein. Ab und zu hob ich mein Stimmkärtchen, um über Resolutionen mitzuentscheiden (als Orientierung dienten mir andere, politisch nahe Länderdelegierte). Und zwischendurch, während den zähen Debatten, träumte ich von einer besseren Welt.

Was ich aus den Tagen auf dem Expogelände mitnahm, war: Egal, wie schlecht ich mein Land vertrat…ich war dabei! Und das macht mich bis heute noch etwas stolz. Denn – und nun kommt der schöne Begriff der „Schirmherrschaft“ ins Spiel – EXPOMUN 2000 fand unter der Schirmherrschaft von Kofi Annan statt. Ich fühlte mich wichtig, bei einer Sache dabei zu sein, bei der der damalige UN-Generalsekretär Pate stand.

Seither liebe ich das Wort „Schirmherrschaft“. Ich habe an einigen Projekten mitgemacht, bei denen bekannte Persönlichkeiten Schirmherren waren. Immer wieder war ich stolz darüber, auf diese Weise näher an diese wichtigen Personen heranzurücken. Ich fühlte mich wichtig, weil sie wichtig waren! Doch die Teilnahme an solchen Projekten empfand ich ehrlich gesagt auch als sehr anstrengend: lange Vorbereitungs- und, oder Anreisezeiten, die richtige Etikette, adrett Anziehen, Smalltalk und intellektuelle Diskussionen, wenig Schlaf. Da stand ich im Konflikt: Will ich mich wichtig und k.o. fühlen? Oder…sollte ich nicht mehr teilnehmen an solchen Aktionen – mit der Folge, mich klein und unbedeutend zu fühlen, weil ich nichts Weltbewegendes tat? Konnte das die Alternative sein?

Wirklich befriedigend erschien mir Option Zwei nicht. Bis heute gehe ich hier und da an meine Grenzen, engagiere mich über die Maßen, in dem Wunsch, mich wichtig zu fühlen und, um ein wenig stolz zu sein. Dabei hat mir Gott längst eine dritte Option gezeigt:

Gott bin ich wichtig, ohne dass ich an wichtigen Projekten teilnehme. Gott ist der wahre Schirmherr meines Lebens. Er ist das nicht nur für eine Sitzungswoche, für ein Event. Nein! Seine Schirmherrschaft ist gewiss, egal, ob das, was ich tue, dem guten Zweck dient oder nicht. Gott steht mit seinem Namen für mich ein. Er legt die Hand für mich ins Feuer. Er steht hinter mir. Er ist stets zu 100% dort, wo ich bin und hält seinen schützenden Schirm über mich. Er verteidigt mich mit seinem göttlichen Schild gegenüber lästigen Fragen und sagt: Du bist wichtig!

Diese Erkenntnis gibt mir ein Gefühl wichtig zu sein, ganz gleich was ich tue. Denn Gott richtet seine volle Aufmerksamkeit auf mich (obwohl ich meine nicht immer auf ihn richte). Er freut sich, wenn ich einfach mal nichts tue und ihm die Welt überlasse. Er setzt mich nicht unter Druck, mein Stimmkärtchen für ein Land zu heben, das ich eigentlich gar nicht wirklich kenne. Er ist FÜR mich – immer! Und umso mehr ich das begreife, umso mehr erlebe ich es: dieses tiefe innere Gefühl von Wichtigsein, Wertvollsein, Wunderbarsein.

Es ist befreiend, dass mein Leben unter Gottes Schirmherrschaft steht. Es gibt mir Zuversicht, Halt und Kraft, insbesondere in Zeiten, in denen ich nichts wirklich Weltbewegendes tun will und kann. Ich bin wichtig. Ich bin stolz. Denn ich darf unter Gottes Schirm sitzen und einfach nichts (wichtiges) tun.

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. (…) Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, dass du nicht erschrecken musst (…) Aus Psalm 91, Lutherbibel.

Warum-Frage trifft Schöpfungswunder

„If you look at all this, if you see all this beauty, how can someone say, there is no God?“ Während Patty diese Frage ausspricht, schweift ihr Blick über meinen Kopf hinweg und bleibt an der uns umgebenden Blüten- und Pflanzenpracht haften. Es ist ein Tag Ende Juli, der mir noch so lebendig in Erinnerung ist. Sattes Grün, Sonne absolut, üppige Vegetation, so weit das Auge reicht. Bunte Fachwerkhäuser säumen das Flussufer, architektonische Schmuckstücke menschlicher Meisterhand. Ein Kapitel Sommermärchen!

Zur selben Zeit stehen mir die Tränen in den Augen. Ich erzähle Patty, wodurch ich mich in den letzten Jahren hindurch gekämpft habe. Wir essen auf der Terasse eines italienischen Restaurants zu Mittag. Zehn Jahre muss es her sein, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. In meinem Studentenalltag von damals, existierte Gott nicht. Mit all den Vorlesungen und Philosophie-Seminaren, die ich besuchte, hatte ich viel Stoff, um Fragen zu unserer menschlichen Existenz zu beantworten. Und es ploppten immer wieder neue auf. Ich war übervoll an Antworten….und leer zugleich.

Warum gibt es soviel Leid in der Welt? Warum und wozu leben wir? (…) Gott kann es nicht geben! Das war meine Schlussfolgerung, nachdem ich einige schmerzliche Erfahrungen gemacht hatte, die mir so sinnlos und überbordend erschienen, und mich so sehr niederdrückten, dass ich kaum mehr wusste, wie und warum ich überhaupt weiter leben sollte.

An diesem Tag Ende Juli, da habe ich die Welt trotz all der Schmerzenstränen ganz bewusst mit anderen Augen gesehen. Irgendwie hat Gott in mir den Durchbruch geschafft. Die negative leidvolle Sicht auf meine und die Welt um mich herum, ist einem freudigen Staunen gewichen. Ich negiere die Existenz Gottes nicht mehr. Vielmehr sehe ich, dass er immer schon da war – mitten in all dem Leiden, durch das ich gegangen bin. Er hat mich hindurch geführt an seiner unsichtbaren Hand. Und ich schätze meine Lage durchaus realistisch ein: Es wird weitere Niederlagen und Krisen geben. Aber ich werde anders hindurchgehen als zuvor. Mehr Gott in der Praxis als Philosophie in der Theorie.

Die Frage nach dem „Warum?“ beschäftigt mich weiterhin (ich habe inzwischen auch einige hilfreiche, aber keine abschließenden Antworten). Doch sie ist in den Hintergrund getreten, weil es für mich nun Wichtigeres, Schöneres gibt, mit dem ich mich befassen will. Das ist eine Entscheidung hin zu mehr Lebensqualität! Lebe ich, oder sterbe ich? Schaue ich auf das, was gut ist, auf die vielen Schöpfungs- und Alltagswunder, oder auf all das Schlechte?

In Augenblicken, in denen ich – wie an diesem wunderschönen Julitag mit Staunen in das Wunder unserer Schöpfung eintauche – da kann ich, anknüpfend an Pattys eingangs zitierten Ausspruch, nur fragen: „Wer, wenn nicht Gott, hat all das erschaffen?“ Trotz all der schmerzlichen Erfahrungen in unserem Leben und den vielen Krisen staunen Patty und ich an diesem Tag über Gottes Größe – mit etwas Bedauern darüber, dass wir diese Freude nicht mit der ganzen Welt teilen können. So sitzen wir da und sehen Gott in seiner ganzen Herrlichkeit. Setz‘ dich doch ein Weilchen zu uns. Gott ist real – in mir und dir. In dieser Welt!

Wenn du dich schwertust, den Blick von der Krise hin zu den vielen kleinen und großen Schöpfungswundern zu wenden, dann empfehle ich dir heute von der Psalmkarte: Nummer 104. Erlebe Augenblicke des Staunens, in denen dir Gott das Schöne in dir und in seiner Schöpfung zeigt. 

Götterboten

Mir geht noch immer die Tageslosung von Gestern durch den Kopf. Ein Auszug aus dem achten Kapitel der Apostelgeschichte. Darin erscheint Philippus ein Engel und spricht: „Steh auf und geh nach Süden…“ (Apostelgeschichte 8: 26-27). Ich wünschte mir, ich könnte mit gutem Gewissen sagen, mir sei dieser Götterbote erschienen. Ich würde mich freuen über eine solch göttliche Forderung. „Auja, ab in den Süden!“ Doch in Sekundenschnelle ist er wieder dahin, mein Traum vom Aufbruch. Eingeständnis: Gott hat nicht mich gemeint, sondern Philippus!

Ich falle zurück auf den Boden der Tatsachen.

Warum aber hat mich diese Gottesbotschaft so angesprochen?

Ich scheue mich einfach, dem Unvermeidlichen ins Auge zu sehen und suche verzweifelt nach Auswegen: Auch wenn die Sonne noch scheint, der Sommer ist vorüber und mit dem Herbst (und all den Adventskalendern, Pfeffernüssen und Lebkuchen im Supermarkt) steht auch schon der Winter vor der Haustür. Schrecklich!

Die Blätter welken, wandeln ihre Farbe, fallen. Ich versuche mir einzureden, wie wunderbar es ist, dass Gott Jahreszeiten schuf und dass jede ihre eigene Qualität hat. Trotzdem: Der Sommer ist und bleibt meine favorisierte Jahreszeit! Und jetzt bin ich einfach absolut frustriert.

Im traurigen Abschiednehmen von all den herrlichen Sommersonnentagen wünsche ich mir, dass Gott ein Heer an Engeln schickt, die mich in die kalten, trüben, nassen Tage des Jahres begleiten. Ich habe das Gefühl, es nicht alleine zu schaffen.

Ich wünsche mir…

  • drei Engel, die mich motivieren, morgens, wenn es noch stockfinster ist, aufzustehen.
  • drei Engel, die mich anfeuern, eine Strumpfhose unter meine bunten Stoffhosen zu ziehen.
  • drei Engel, die mich umjubeln, wenn mir der Wind auf dem Rad entgegenbläst und die mir abends in der Badewanne heißes Wasser über meine durchgefrorenen Füße gießen.

Das sind dann drei mal drei Engel für Anna. Ich glaube, damit könnte ich den Übertritt in die kalte Jahreszeit unbeschadet schaffen. Alternativ mache ich mir wieder einmal Gedanken, ob ich – auch wenn mich Gott gestern nicht direkt angesprochen hat – wie Philippus aufstehen sollte, um nach Süden aufzubrechen. Ist das die Alternative zur Winterdepression?

Ich habe wieder einmal sehr verrückte Gedanken. Es tut einfach gut, sie mit einer Prise Humor niederzuschreiben. Auch wenn du dir vielleicht in diesen Tagen ganz andere Gedanken machst.

Mein Fazit heute: Ich darf Gott nicht meine Wünsche unterschieben und dann jedes Wörtchen, das ich aus der Bibel oder sonst wo aufschnappe (und das göttlichen Bezug hat), direkt auf mich beziehen. Nicht immer, bin ich gemeint, wenn Gott spricht. Und nicht immer ist das, was ich meine, zu hören, eine Message von Gott an mich. Manchmal gilt seine Botschaft anderen Menschen. Manchmal, da heißt es für mich, geduldig warten. Auf die nächste Engelsbegegnung. Die nächste klare Ansage. Den nächsten Sommer.

Sand and Water

… habe ich das hier abgebildete Foto überschrieben. Es ist letzte Woche bei meinem Strandspaziergang in Alanya entstanden. Wenn ich mich recht erinnere, heißt auch ein Film des bengalischen Regisseurs Shaheen Dill-Riaz so: Sand and Water. Bei meiner Suchabfrage im Internet stoße ich zunächst jedoch auf einen Folksong von Beth Nielson Chapman mit dem selben Titel. Hier ein kurzer Auszug daraus:

„All alone, I didn’t like the feeling
All alone, I sat and cried
All alone, I had to find some meaning
In the center of the pain I felt inside

All alone, I came into the world
All alone, I will someday die
Solid stone is just sand and water, baby
Sand and water, and a million years gone by (…).

Es gibt Phasen im Leben, da sind wir ganz auf uns selbst zurückgeworfen. Wer bin ich? Wozu bin ich hier? Was ist meine Aufgabe?

Ich habe mehrere solcher Phasen durchlebt. Gerade in diesen Phasen halte ich es für existentiell wichtig, sich auch und im Besonderen körperlich verbunden zu fühlen mit der Welt um einen herum. Wo es keinen Gott zum Anfassen gibt, da braucht es ganz einfach auch und immer wieder eine menschliche Umarmung! Doch wie oft ist einfach niemand da?

Dann kann ich ohne Zögern in das Lied von Beth Nielson Chapman einstimmen: „All alone, I sat and cried…“ Da spricht sie mir aus der Seele.

Aber immer wieder finde ich dann doch auch in dieser Welt meinen Trost. Da finde ich reale Nähe. Draußen in der wunderbaren Schöpfung, in die mich Gott hineingestellt hat. So wie vorige Woche am Strand – wo ich meine Füße tief in Sand und Wasser eingrub und mich von der Sonne wärmen ließ. Da erlebte ich ganz für mich allein ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit der Welt.