Hinter mir

„Glauben heißt erkennen, dass die Aufgabe, die vor uns liegt,
nie so groß ist wie die Kraft, die hinter uns steht.“
Pam Vredevelt

Lange Zeit begleitet mich die Geschichte am See Genesaret (vgl. Lukasevangelium Kapitel 5:1-11): Jesus beruft die ersten Jünger zur Nachfolge. „Auf Bruder, komm mit, ich hab da was für dich. Du wirst Augen machen. Fahr nochmal mit mir raus!“ „Das kann jetzt nicht dein Ernst sein, Mann!“ ärgerte sich Simon wahrscheinlich. Die halbe Nacht war er draußen auf See gewesen, ohne auch nur einen Fisch zu fangen. Eigentlich ist er erschöpft und will sich ausruhen.

„Aber Jesus, der ist in Ordnung, irgendwie nehm ich dem ab, was er sagt.“ Mit Jesus an Bord steigt Simon nochmal ins Boot, macht sich los und macht den fetten Fang. Eine coole Story – komprimiert auf 11 Verse (=12 feine Zeilen Text!).

„Und sie ließen alles hinter sich und folgten ihm nach“ so schließt die Geschichte in Vers 11. Simon ist so geflasht, dass er just zusammen mit ein paar Kollegen sein altes Fischerleben hinter sich lässt und Jesus nachgeht. Auf ins Abenteuerland!

In dem elften Vers steckte für mich lange Zeit die spirituelle Power, die ich für meinen eigenen Neuanfang brauchte. Die Vergangenheit hinter mir lassen, neue Wege gehn, mit Jesus hinter mir für den nötigen Rückhalt. Weg von allem Alten, alten Gedanken, Menschen, Dingen, Situationen. Ja, der Vers war hilfreich. So habe ich viele Aufgaben bewältigt. Aber manchmal hat mich die „Lass-alles-hinter-dir-Maxime“ auch sehr gestresst. Schließlich funktioniert es oft nicht wie gewünscht mit dem Loslassen und Neumachen und Neusein. Ich glaube inzwischen, dass das nicht das Maßgebende ist. Das Polaritätsdenken in mir zwischen „alter“ und „neuer“ Anna und „altem“ und „neuem“ Leben ist aufgebrochen. So wie es bis jetzt war, war es richtungsweisend. So wie es jetzt ist, ist es gut. Und so wie’s kommen wird? Auch in Ordnung.

Monate habe ich damit gerungen, dass ich statt einem neuen Job, eine neue Ausbildung begonnen habe. Schon wieder Schulbank drücken? Nach 10 Hochschulsemestern, Magisterabschluss und dutzend Fortbildungen…! Ist das ein neuer Weg?… Ich habe wieder unglücklich in einer WG gelebt, die WG gewechselt und natürlich festgestellt, dass die Schwierigkeiten zwar anders sind, aber bleiben. Neuanfang?…

Gott, was soll das? Ich mag nicht mehr. Wo ist das schöne Leben? Das leichte? Das ohne Kampf, mit Licht und Lachen?

Nun habe ich eine neue Sicht auf die Berufungsgeschichte (inspiriert von der letzten Sonntagspredigt) und mir einen anderen Vers zur Ermutigung ausgekuckt: „Werf die Netze nochmal aus!“ (nach Lk 5:4).

Das schöne Leben? Es ist genau hier. Inmitten meines alltäglichen Kuddelmuddels an Zweifeln, Sorgen, dem vielen Lernen, hohen Anforderungen, in Ungeduld, ewig schweren Gedanken, in dem Wunsch, es doch anders haben zu wollen als es ist. Ich bin zwar noch immer müde und habe manchmal ein wenig das Gefühl, von der letzten Fahrt auf See ohne großen Fang zurückgekehrt zu sein, aber ich lasse mich von den vor mir liegenden Aufgaben nicht in die Knie zwingen. Gott hat mich nochmal rausgeschickt. Wieder Ausbildung, wieder WG,… Ich bin noch am Rausfahren und denke „what the f… mache ich hier eigentlich!“.

Nun…:Die neue Perspektive auf die Story und Vers 4 ermutigen mich, ruhig weiterzurudern, um nochmal meine Netze auszuwerfen – für den fetten Fang in den gewohnt komplizierten Lebensumständen. Weil ich da zuhause bin. Weil Gott mir Kraft gibt, weiter zu machen. In all dem, meinem Leben! Er ist mit an Bord. Mitten in all dem scheinbar Unveränderten sehe ich heute die fangfrische Veränderung einer neuen Sicht auf die Dinge.

Ein Gedanke zu „Hinter mir“

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