Archiv der Kategorie: Reihe: Jesus und die Frauen

Mehr Schuld – mehr Liebe

Mehr Schuld – mehr Liebe. Das ist eine provokante Botschaft, die für mich aus den Geschehnissen in Bethanien im Haus Simons herauszulesen ist (vgl. dazu Matthäus 26: 6-13, Markus 14:1-9, Lukas 7:36-50 sowie Johannes 12:1-11). Über die Ölsalbung dort will ich schreiben und ein wenig zum Nachdenken anregen.

Alle vier Evangelisten bezeugen die Ölsalbung Jesu in Bethanien. Sie wird unterschiedlich erzählt (wobei ich die Schilderung im Lukasevangelium am eindrücklichsten finde). Es gibt Diskurse darüber, ob es sich bei der Frau, die Jesus mit Öl salbt, um Maria von Magdala handelt. Für meine Auslegung ist dies weniger relevant. Mir geht es um die Interaktion der Frau mit Jesus, seine Reaktion und die Reaktionen des Umfeldes. Folgende drei Punkte sind mir wichtig:

1.) Die Frau sucht Jesus auf, nicht als Schaulustige, nicht als Bittstellerin, sondern als Sünderin mit der Absicht, Jesus zu begegnen. Der Evangelist Lukas sagt es gleich zu Anfang seiner Schilderungen freiraus: Die Frau aus Bethanien ist eine Sünderin. Sie lebt ein Leben, das nicht Gottes Willen entspricht (Lk 7:37). Tatatatatataaa! We proudly present you the story! Jesus wird von einer Sünderin mit Öl gesalbt! Stell sich das mal Einer vor? Wie krass! Skandal!…

Und jetzt? Was heißt das…“Sünderin“? „Ein Leben führen, das nicht Gottes Willen entspricht“?

Ein paar meiner Gedanken dazu: Ich tue mich nämlich manchmal schwer mit Auslegungen zum Thema Schuld und Sünde. Ich brauche manchmal und heute die Freiheit meiner eigenen Interpretation. Nicht nach Gottes Willen zu handeln heißt für mich nicht unbedingt, bewusst absichtsvoll gegen Gott zu handeln. Es heißt für mich nicht zwangsläufig, berechnend nach eigenem Willen zu handeln. Es kann auch sein, dass man aufgrund von Prägungen und schwierigen Umständen nicht gelernt hat, sich selbst und Gott in dem Maße zu lieben und zu vertrauen, wie es gut wäre. Und so kann es kommen, dass man – mir nichts, dir nichts – an einem guten Gott gefälligen Leben vorbeilebt. Wenn man nie gelernt hat, dass man einen Wert hat, dann sind einem Werte auch nichts wert. Dann ist man sich selbst egal und tut – aus Angst, allein und unbedeutend zu sein oder weil das Leben sonst völlig sinnentleert scheint – Dinge, um zu gefallen, um sich ins System einzupassen, die nicht dem Willen Gottes entsprechen. So läuft man Gefahr, nicht das eigene Leben zu leben, sondern gelebt zu werden. Fremdeinflüsse bestimmen mehr über einen als man selbst und Gott. Es kann aber ebenso sein, dass ich mich schuldig fühle, auch wenn ich nichts Unrechtes getan habe – schlechtes Gewissen ohne Grund, das kann tiefliegendere Ursachen haben. Manche Menschen haben in diesem Zusammenhang auch die Schuld eines Anderen auf sich genommen und sind dadurch zutiefst belastet.

„Sünde“ verstehe ich hier und jetzt als Absonderung von Gott, Abkehr von sich selbst, Abwendung vom Göttlichen in uns, Hinwendung zum Schlechten, zu Dingen und Menschen, die mir nicht guttun – a) willentlich (dann habe ich Schuld) oder b) weil ich es nicht besser weiß oder c) kann (dann habe ich möglicherweise eine Teilschuld, vielleicht aber auch einfach nur großes Pech gehabt). Die Folge dieser Abkehr von Gott: Ich habe keine persönliche Beziehung zu ihm, nehme ihn nicht hinein in mein Leben. Ich lebe – in unguten Verhaltensmustern, Gedanken und Emotionen gefangen – solange, bis mein Leben im Chaos mündet. Gott ist die unbekannte Variable in meinem Leben. Bis ich mich auf den Weg mache, ihn zu finden. Bis er durch das Chaos hindurch zu mir durchdringt.

Zurück zur Frau in Bethanien. Das Beitragsbild will ich unterstützend für folgende Deutung nutzen: Da kommt eine Frau in Simons Haus, ihre letzte Würde verteidigend. Für mich eine Scham erfüllte Szene, die da von dem sri lankischen Künstler dargestellt wurde. Eine unangenehm beklemmende, schlechte, etwas düstere Atmosphäre, die sich da im Bild abzeichnet. Da steht sie die Frau, nackt vor dem Bett und hat die Hände schützend vor ihrer Brust verschränkt. Der Flusenteppich vor dem Bett hat einen unruhigen Duktus. Der Boden gleicht mehr einer aufgerauten Wasseroberfläche als festem Grund. Hält die Frau der Bloßstellung und der offenen Auseinandersetzung stand? Oder verliert sie den Boden unter ihren Füßen?

Die Frau in Bethanien war eine Sünderin… Ach! Was hat sie denn alles getan, um ihren Ruf zu verlieren? Vielleicht denken wir nun – provoziert durch mein Beitragsbild – an Wolllust, Gier, Untreue, Verrat, Lügen, Neid. Da könnte uns sicher noch mehr einfallen. Aber letztlich wissen wir es doch nicht genau. Das geht aus den verschiedenen Bibeltexten nicht hervor. Für mich ist hier nicht so wichtig, was die Frau sich alles zu Schulden kommen ließ. Sie hat ein Gott fernes Leben geführt. Sie hat ziemlich lange ziemlich schlecht gelebt. Sie hat sich ganz schön ins Chaos manövriert. Und sie trägt ganz schön viel mit sich herum an (Schuld)last. Wichtig ist für mich die Frage? Was tut sie jetzt, hier in dieser Szene? Sie lässt es nicht damit bewenden. Sie macht sich auf den Weg. Die Frau versteckt sich nicht, sondern geht zu Simon, um Jesus zu treffen, geht direkt hin zu Gott.

Die Frau kniet vor Jesus nieder und weint. Die Tränen fallen auf seine Füße. Sie küsst sie – „wieder und wieder“(Lk 7:38) und trocknet sie mit ihren Haaren. Kein Wort aus ihrem Mund. Vor der gesamten Truppe wirft sie sich auf die Knie und liebkost in demütiger Kapitulation vor Jesus dessen Füße. Ein Offenbarungsakt. „Du bist da Jesus, du bist nah, ich bei dir!“ kann sie gedacht haben. Und Simon, der Gastgeber, ist schockiert. Weil Jesus die Frau, „eine Sünderin!“ (Lk 7:39), nicht abwehrt.

2.) Die Jünger, welche die Ölsalbung miterleben, empören sich über das Verhalten. „Was für eine Geldverschwendung“ ärgern sie sich, als die Frau über Jesus all das kostbare Salböl ausgießt (woher sie das hat, ist für mich nicht entscheidend). „Unser selbstloser Jesus braucht doch sowas nicht!“ werden sie womöglich gedacht haben. „Sie hätte es (das Öl) lieber für viel Geld verkaufen und den Erlös den Armen geben sollen“ (Mt 26:9) entrüsten sie sich. Sie halten das Handeln der Frau für irrational und werten sie ab.

In der Reaktion der Jünger wird für mich ein sehr berechnendes Denken ersichtlich („Dieses Parfüm war ein kleines Vermögen wert.“  Joh 12:5). Auch wenn sie – folgt man ihrer Aussage – die Armen im Blick haben – so ist es doch der Geldwert auf den der Blick der Jünger als Erstes fällt. Die Jünger entrüsten sich, sind unverständig und beurteilen die Frau nach eigenem begrenzten Wissen. Anstatt sie mit ihren Lasten zu sehen und ihr zu helfen, beladen sie sie mit neuen Vorwürfen und Urteilen. Ist der Stumpfsinn der Jünger nicht auch heute eine verbreitete Reaktion von Menschen auf Personen, die aus der Reihe fallen?

Manchmal erlebe ich, wie mein Handeln, wenn es nicht konform ist mit gängigen Vorstellungen, wie ich als Person, von anderen beurteilt und hinterfragt werde. „Das mit deinem Umzug, das war ja wirklich ein Experiment!“ „Du bist noch nicht so weit!“ „Warum tust du dir das an?“ All das sind Bemerkungen, die mir vor nicht allzulanger Zeit um den Kopf gehauen wurden und die mich, ehrlich gesagt, auch in der Seele getroffen haben.

Ist es nicht manchmal so? Wir Menschen erheben uns mit unseren (wohl gemeinten) Ratschlägen über Andere. Geht es da wirklich um das Wohl des Anderen? Oder zielt ein solches Verhalten nicht eher auf einen Moment feierlicher Selbstbeweihräucherung? Ist es statt eines weisen Rats, empathischer Rückmeldung oder statt eines konstruktiven Lösungsvorschlags, nicht eher unser Ego, das schnell mal den eigenen Senf dazu geben will, weil der einem besser schmeckt? Nutzen wir solche Momente vielleicht, um uns selbst zu sagen „schau, was ich alles vom Leben gelernt habe!“ und uns als (Allein-)Helden zu feiern?

Gott hat jeden von uns als einzigartiges Individuum geschaffen. Jeden liebt er gleichermaßen – unabhängig von seinem Tun. Jeden von uns begleitet er auf seinem je eigenen Weg. Wie kann ich wissen, was gut und richtig ist (für den Anderen), wenn ich es für mein eigenes Leben oft nicht weiß (und mich manchmal geschickt um Gottes Wort herummanövriere)?

Also bitte: …. in diesem Fall finde ich manchmal mehr Zurückhaltung angebracht. Man könnte ja von Zeit zu Zeit auch einfach mal

  • zuhören (find ich zugegebenermaßen manchmal wirklich schwierig, aber ich übe es),
  • dem Anderen Zeit statt Tipps schenken (übe ich auch) und
  • sich hineinversetzen in seine Lage (gelingt mir ganz gut, find ich),
  • einfach da sein (das kann ich!) und
  • dem Anderen damit die Chance geben, das Schwere, das Leichte, sein Leben zu teilen (hängt nicht nur an mir – da muss auch der/die Andre was tun)

Vielleicht nimmst du dir das als Leser auch zu Herzen…Ich glaube, gemeinsam können wir da schon was deichseln in Bezug auf mehr gegenseitige „Wert“schätzung. Wäre doch schön oder?

3.) Jesus sagt, was Sache ist. Die Frau tue ihm etwas Gutes (Mt 26:10): Sie habe ihn für sein bevorstehendes Begräbnis gesalbt (Mt 26:12) und „überall auf der Welt“ (Mt 26:13), wo man die gute Botschaft Jesu verbreiten würde, da würde man auch von ihr sprechen. Jesus erklärt eine Frau zur wichtigen Figur innerhalb seiner Heilsgeschichte. Sie gehört quasi dazu. In der Ölsalbung manifestiert sich Gottes Nähe und Liebe zu uns Menschen. Es ist eine sehr intime Begegnung, in der Jesus und die Frau sich insbesondere körperlich nah sind. Mit wenigen Worten nur, geschieht Freisetzung, Heilung, findet Liebe ihren Ausdruck. „Ich sage dir, ihre Sünden – und es sind viele (Jesus lässt es auch weiter unbestimmt) – sind ihr vergeben; also hat sie mir viel Liebe erwiesen. Ein Mensch jedoch, dem nur wenig vergeben wurde, zeigt wenig Liebe.“ (Lk 7:47) Dann sagt Jesus in der Hinwendung zur Frau: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ (Lk 7:48)

Da! Ein beidseitiger Liebesakt. Die Frau wendet sich Jesus zu, legt ihre Schuld bei ihm ab und demütigt sich vor ihm, zeigt ihre Liebe, ihre Hingabe an Jesus durch das Ausgießen des Öls, durch ihre Tränen, durch ihre Küsse, das Trocknen seiner Füße mit ihren Haaren. Jesus erkennt dies an. Er erkennt sie an. Er spricht sie frei von ihren Sünden. Auf ein Mehr an Schuld folgt ein Mehr an Liebe. Der Start einer guten Beziehung zwischen Gott und der Frau.

Die Frau hat sich im Haus Simons sicher nicht als Heldin gefühlt. Weder als sie – ihr verzeiht – Jesus die Füße vollgerotzt hat, noch als die Jünger sie kritisiert haben. Das war alles andere als angenehm für sie. Da ist sie ganz schön ins Schwimmen gekommen. Sie hat sich die Blöße gegeben vor den Anderen. Und Jesus kürt sie gewissermaßen zur Heldin. Er stellt sich entschieden hinter die Frau („Lasst sie in Ruhe.“… Mk 14:6).

Wir können sicher gehen, dass er sich auch hinter uns stellt. Er ist auch unser Fürsprecher. Auch wenn unser Verhalten für Außenstehende vielleicht etwas verrückt erscheint und/oder Empörung auslöst. Auch wenn wir kleine und große Fehler machen. Tue, was du kannst (wie die Frau mit dem Salböl, vgl. Mk 14:8: „Sie hat getan, was in ihrer Macht stand,…“). Den Rest versuche, so gut es geht, Gott zu überlassen. Denn er weiß, wie beschissen sich Schuld anfühlt (gerade und vor allem, wenn es nicht die eigene ist). Und er weiß umso mehr, was Liebe ist.

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen,
aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.“ Jesaja 54:7

Not. Vertrauen. Frieden finden.

Nach dem letzten Beitrag habe ich entschieden, eine Reihe über „Jesus und die Frauen“ zu schreiben. Dieser Artikel hat die Heilung der blutflüssigen Frau zum Thema (vgl. Lukas 8: 43-48; Matthäus 9: 18-23; Markus 5: 25-34).

Auf dem Weg zu Jairus

Wo anfangen? Der Evangelist Lukas schildert uns zunächst die Ausgangslage: Jesus und seine Jünger sind auf dem Weg zu Jairus, einem Vorsteher der örtlichen Synagoge. Jairus hat Jesus inständig um sein Kommen gebeten. Seine zwölfjährige Tochter liegt im Sterben und er hofft, dass Jesus seine Tochter wieder zurück ins Leben holen wird.

Jesus bahnt sich also den Weg durch die Menge, um zu Jairus zu gelangen. Ein ganzer Fanclub an Menschen umringt ihn. Für sie alle ist Jesus von Nazarath ein besonderer Mensch. Sie sind fasziniert von seinem Reden, gern in seiner Nähe und viele von ihnen haben das wunderliche Wirken Jesu bereits miterlebt.

Lebensverändernde Berührung

Auf dem Weg zu Jairus‘ Haus, bemerkt Jesus in der Menschenmenge eine Frau, die ihn von hinten an seinem Gewand berührt. Diese Frau, so die Erzählung, leidet seit zwölf Jahren unter ständigen Blutungen und hat „Schlimmes durchgemacht“ (Mk 5:26). Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Ihre Lebenskraft ist versiegt. Sie hat längst keine Power mehr, am wirklichen Leben teilzunehmen. Fix und fertig mit der Welt, am Rande der Verzweiflung ist sie,… aber trotzallem ist da in ihr noch ein Rest Hoffnung („Wenn ich nur seinen Mantel berühre, werde ich wieder gesund.“ Mt 9:21) Und sie kämpft sich durch die Menge zu Jesus hin (Mk 5:27). Sie traut sich, Jesus zu berühren. Im Augenblick der Berührung von Jesus‘ Gewand, stoppt die Blutung. Jesus fragt: „Wer hat mich berührt?“ (Lk 8:45) Alle Umstehenden streiten die Berührung ab. Petrus beschwichtigt ihn und wendet ein: „…Hier sind doch so viele Menschen!“ Als ob man da eine Person ausfindig machen könnte! Doch Jesus ist beharrlich: er habe gespührt, wie eine heilende Kraft von ihm ausging. Infolgedessen gibt sich die Frau zu erkennen. „Zitternd vor Angst“ (Lk 8:47) heißt es im Bibeltext, wirft sie sich zu Boden und erklärt sich. „Tochter“, sagt Jesus zu ihr, Dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh in Frieden.“ (Lk 8:48)

„Dein Glaube hat dich gerettet“

Jesus bestärkt die Frau darin, dass es ihr Glaube und somit, dass es ihr Handeln war, das sie gesund gemacht hat. Jesus Worte sind Reaktion, sie sind Antwort auf das vorausgehende Tun der Frau. Die blutflüssige Frau sucht die vertrauensvolle Nähe Jesu. Sie findet seine einfühlsame urteilsfreie Liebe. Sie findet seinen Zuspruch. Sie erfährt Heilung an Körper, Geist und Seele, weil sie sich traut, sich in ihrer Bedürftigkeit Jesus hinzuwenden. Mit letzter (Glaubens-)Kraft zupft sie ihn am Saum seines Gewandes. Just im Moment des Berührens hören die Blutungen auf, wird sie gesund. Und doch: Die Bestärkung Jesu braucht es zur ganzheitlichen Heilwerdung der Frau. Denn durch ihr jahrelanges Leiden ist viel in ihr kaputt gegangen. Ihre Seele hat unter den körperlichen Strapazen, durch die gesellschaftliche Ausgrenzung Schaden genommen. Geh in Frieden, sagt Jesus zu ihr. Das heißt für mich zweierlei: Es ist eine Aufforderung zu gehen, das Alte loszulassen, in Bewegung zu bleiben. Und es ist eine Aufforderung, dies in Frieden zu tun – ohne Unruhe, schlechtes Gewissen, Stress, ohne Angst, welche die Frau zunächst noch überkommt.

Glauben heißt: Vertrauen.

Jesus lässt sich auf seinem Weg zu Jairus aufhalten und zeigt: Glaube hat Kraft. Die ausgestoßene Kranke wird gesund. Sie wird zur Tochter. Durch ihr Vertrauen wird sie heil. Durch die Begegnung mit Jesus findet sie Frieden.

Jesus bestärkt uns durch das Beispiel der blutflüssigen Frau, ähnliche Glaubensschritte zu tun. Er zeigt seine Empathie gegenüber unserer Bedürftigkeit. Jesus ist wichtig, dass die Frau in Erscheinung tritt, dass ihr Glaubens- und Vertrauensakt publik wird. Er stellt sie nicht bloß, sondern er würdigt ihr vertrauensvolles Handeln in aller Öffentlichkeit.

Nach der „zufälligen“ Begegnung mit der blutflüssigen Frau und ihrer Wunderheilung berichten drei der vier Evangelisten – kaum zu glauben – eine zweite „Tochterheilsgeschichte“. Es geht nun wieder um Jairus‘ Tochter. Wieder geht es da um Vertrauen, zu dem Jesus Jairus bestärkt („Hab keine Angst. Vertrau mir, und sie wird gerettet werden.“ (Lk 8: 50) Doch als sie zum Haus kommen, finden sie bereits einen ganzen Kreis Trauernder vor, die das Mädchen tot glauben.  Jesus sagt zu den Menschen dort: „Hört auf zu weinen! Sie ist nicht tot; sie schläft nur!“ (Lk 8:52) Aber sie lachen Jesus aus. „Was? So ein Spinner!“, denken sie sich wahrscheinlich. Jesus lässt sich nicht beirren, stellt seine Autorität unter Beweis: er nimmt das totgesagte Mädchen an der Hand und sagt: „Steh auf, mein Kind!“ (Lk 8:54)

Und dann?

Ist das zu glauben? … Dann öffnet das Mädchen doch tatsächlich just im selben Moment die Augen und steht auf. Wow! Was für ein Jesus! Was für eine Geschichte!

Diese Textpassage verdient mehr Aufmerksamkeit. Für heute will ich es jedoch dabei belassen. Glauben heißt: Vertrauen. Davon zeugen die beiden Geschichten von Töchtern, die so kurz aufeinander folgen. Auch wenn es dir als Leser möglicherweise schwer fällt, einen Zugang zu den Wundern Jesu zu bekommen, sich in dir Widerstand regt, oder dir meine Ausführungen zu dürftig erscheinen,… Ich freue mich, wenn du für dich etwas mitnehmen kannst, was dir gut tut. Denn:

Gott hat ein großes Herz für Frauen, für Mädchen, für Töchter. Gott lässt uns Frieden finden.

Im Zusammenhang mit meinen Darlegungen möchte ich auf einen guten Artikel zur Heilung der blutflüssigen Frau verweisen, der bei „Bibel in gerechter Sprache“ nachzulesen bzw. herunterzuladen ist.

 

 

Wahrer Brunnen

Einige Zeit schon trage ich sie mit mir herum: Ideen zu einem Artikel über die Begegnung zwischen Jesus und der Frau am Jakobsbrunnen. Et Voilà! Gute Predigten habe ich zu der Bibelstelle gehört (vgl. Joh 4:1-42). Immer hat mir da etwas gefehlt bei der Auslegung. Die weibliche Sicht.

Die Frau am Jakobsbrunnen – sie ist für mich eine echte Powerfrau! In Verruf geraten, suchend, fand sie in Jesus den Messias. Sie erfuhr nicht durch’s Hörensagen von ihm. Sie traf ihn bei keinem Großevent. Nein – sie begegnete ihm höchstpersönlich beim Wasserholen zur Mittagszeit (in der sonst keiner unterwegs war).

Ich bewundere die Frau am Jakobsbrunnen. Sie hat einen starken Charakter. Das wird für mich schon zu Beginn der Unterhaltung deutlich. Zu dem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, wer ihr Gegenüber ist. Umso beeindruckender, wie sie Jesus gegenüber tritt. Sie stellt ihm Fragen („Warum bittest du mich, dir zu trinken zu geben.“ Vs 9). Sie legt ihre Zweifel offen, erhebt Einspruch („Aber, Herr, du hast weder ein Seil noch einen Eimer…Woher willst du denn dieses lebendige Wasser nehmen?“ Vs 11). Sie konfrontiert – mit dem, was ihr auf dem Herzen liegt, bittet Jesus um Klarheit zu Dingen, die sie nicht versteht… („Sage mir doch, warum…“ Vs 19) – und sie ist konfrontierbar (Vs 13f). Sie schaut der Wahrheit ins Gesicht, schaut ihr Leben an und stellt sich damit Jesus („Ich habe keinen Mann…“ Vs 17). „Coming Out“ könnten wir das auch nennen. Ein Coming Out, dass mich stärkt, mir und Gott ehrlich zu begegnen.

Die Begegnung zwischen Jesus und der Samariterin ist die längste Bibelstelle, in der wir von Jesus und seiner Interaktion mit Frauen lesen können. Und es ist eine Stelle, in der es einmal mehr um Wahrheit geht. Um welche Wahrheit geht es da? Die Wahrheit über mein Leben, über mein Suchen, Irrwege? Über meine Fehler, Misserfolge, erfahrenes Unrecht, vermeintliche Schuld?

In der Frau am Jakobsbrunnen sehe ich eine Pionierin wahrhaftiger Selbsterkenntnis: eine Frau, die ihre Fehler und Schattenseiten kennt und benennt, aber nicht daran zerbricht. Eine Frau, die sich ausstreckt nach Mehr im Leben. Die ihre wahre Kraftquelle in Gott erkennt. Für mich ist die Samariterin – in ihrer Auseinandersetzung mit Jesus – Stellvertreterin für eine tiefe Sehnsucht in uns. Eine Sehnsucht, die Welt zu begreifen, unseren Mangel und Unfrieden zu stillen. Die Samariterin findet die Antwort auf ihr Fragen und auf ihre Not bei Jesus.

Noch ein weiterer Aspekt: Jesus bevollmächtigt am Ende der Begegnung die Frau, das Kommen des Messias zu verkünden. Sie, über die im Dorf wegen ihrer wechselnden Partnerbeziehungen gesprochen wurde, sie erhält von Jesus diese Ehrenaufgabe! (Schade nur, dass die Dorfbewohner zwar aufmerksam durch die Frau werden, sich aber dann doch erst von Jesus selbst überzeugen lassen, vgl. Vs 42 „Nun glauben wir, weil wir ihn gehört haben, und nicht nur aufgrund deiner Worte…“. Warum das so ist, darüber könnte man auch philosophieren… ich lass es sein).

Mich bestärkt die Samariterin auf meinem Weg, die manchmal unbequeme Wahrheit anzusehen, sie auszusprechen, und – in der Bestrebung eines Immer-Wieder-Neuanfangens – nicht die Tür hinter meiner Vergangenheit zuzuschlagen. Sie ermutigt mich, mein Leben in wahrhaftiger Nachfolge zu leben – mein Leben anzunehmen mit all den Makeln, im Wissen um meine Kraft und Jesu Auferstehungspower in mir. Die Begegnung am Jakobsbrunnen ist für mich eine Empowerment-Story par excellence für einen Weg, der mich zu einem Leben im Überfluss führt, auf dem Gott meinen Sehnsuchtsdurst mit seinem „lebendigen Wasser“ stillt (vgl. Vs 13, Joh 10:10 sowie Joh 14:6).